Sensoren, Innovation und Menschen mit Herz

ams AGVon li nach re: Angelika Weber (Axtesys), Sigrid Külper und Jann Siefken (ams AG)

Ehepaar Dr. Jann Siefken, VP Compliance, und Sigrid Külper, Executive Assistant, beide ams AG, im digitalen Herbstinterview: Über die Chancen der Diversität, ein digitales Vertragsarchiv und versteckte ams-Sensoren, die Digitalisierungs-Geschichte schreiben. Vom Alkotest per Smartphone über das eisige Parkett der Berufswelt bis hin zum Laptop in Äthiopien – ein wunderbares Gespräch mit wunderbaren Gesprächspartnern!

Frau Külper, Herr Siefken – herzlichen Dank für Ihre Interviewbereitschaft. Gerne möchte ich Ihnen eingangs gleich eine Frage stellen, die sich im Zusammenhang mit der ams AG aufdrängt: Es handelt sich um ein Unternehmen, das in hohem Maße als „Schmelztiegel“ der Nationen gelten kann. Wie funktioniert das Zusammenarbeiten?
JS: Hier am Standort Premstätten sind Mitarbeiter aus über 40 Nationen vertreten. Die Unternehmenssprache ist bei uns Englisch, mit ein paar wenigen Ausnahmen bei den Arbeitern, wo nach wie vor Deutsch vorherrscht
SK: Alle Sprachen, die gesprochen werden, sind in unserem Leitbild verewigt, in dem die Werte der ams in alle Sprachen übersetzt sind. Dieses Leitbild befindet sich bei uns im Gang und es handelt sich für mich um ein gutes Zeichen.

Das hat eine tolle Symbolik… die Philosophie der ams lebt also von der Diversität und von der Internationalität. Sie wird nicht als Hindernis, sondern als Chance, als etwas Positives gesehen.
SK: Ja, richtig.
JS: Wir haben 59 Standorte weltweit.
SK: Sehr, sehr positiv, ja. Ich glaube, das ist das große Plus der Firma, da sind wir einer Meinung.

Ich könnte mir vorstellen, dass es im Alltag dennoch zu Missverständnissen kommen könnte?
JS: Eigentlich nicht. Es gibt natürlich eine klare Firmenphilosophie, und Strategie. Wir sind organisatorisch unterteilt in die Service-Funktionen, so wie z.B. Sigrid und ich. Auch Finance und Human Resources zählen zu den Service-Funktionen. Dann haben wir aber auch noch die Business-Sparten, die projekt- und produktbezogen sind. Wir sind bekannt für analoge Sensoren, also z.B. Audiosensoren, Bildsensoren, Gassensoren, Lichtsensoren etc.. Hier arbeiten die Ingenieure. Sie haben eine klare Strategie und eine klare Aufgabe. Wenn sie dann aus anderen Ländern zu uns kommen, ist der Aufgabenbereich klar definiert. Daher: Ganz normale Missverständnisse wie in jedem Alltag auch, gibt es schon…
SK: … wie unter uns Österreichern auch…
JS: … aber nicht bedingt durch die Internationalität.

Wahrscheinlich ist das in fachlichen, beruflichen Interaktionen weniger ein Thema als im Alltag, möglicherweise stellt man sich in solchen Situationen bereits darauf ein, kommuniziert anders, weil klar ist, dass alle unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben.
SK: Genau. Auch ist viel Toleranz und internationales Denken da.
JS: Die Firma hat sich sehr verändert in den letzten Jahren, auch, weil wir stark gewachsen sind. Allein im letzten Jahr wurden 8000 neue Mitarbeiter aufgenommen. Das hat natürlich dazu geführt, dass sich auch die Firmenkultur geändert hat. Dies nun in Einklang zu bringen ist eine größere Herausforderung als die Internationalität.

Das passiert ja auch, wenn es zwischen zwei österreichischen Unternehmen einen Merger gibt…
JS: Natürlich. Das ist nichts Außergewöhnliches.

Digitalisierung ist Alltag in Ihrem Berufsleben, nehme ich an?
SK: Ja selbstverständlich, bei meinem Mann jedoch wesentlich stärker als in meinem Bereich.
JS: Ich war jetzt über 10 Jahre General Counsel und bin nun Compliance-Chef der ams AG. 2008, als ich der Firma beigetreten bin, haben wir unter meiner Führung begonnen, alle Verträge, die wir haben, in eine Datenbank einzupflegen. Nur zum Vergleich: Ich war jetzt bei Legal Tech in Wien und habe dort einen Vortrag gehalten und festgestellt, dass ich einer der ersten war, der das gemacht hat. Wir haben wirklich jeden Vertrag, den wir hatten, händisch gescannt und dann einzeln in einer Datenbank digitalisiert. Wir haben eine Umfrage unter unseren Mitarbeitern gemacht – wie viele Verträge wir denn in der Datenbank haben: Die ersten Schätzungen lagen bei 500 oder 1000, einer meinte 5000. Als ich dann gesagt habe, wir haben knapp 38.000 Verträge in dieser Datenbank, waren alle relativ schnell ruhig.
Zum Beispiel war Siemens einer unserer Kunden, nun ist Siemens in ganz viele Einzelfirmen unterteilt: z.B. Siemens Nürnberg, Siemens München, Siemens Medical, Siemens Automotive usw. Doch Siemens hatte diese Datenbank nicht. Die haben mich 2012 einmal gefragt, ob ich – das war ihnen zwar wahnsinnig peinlich – ihnen sagen kann, wieviele einzelne Verträge Siemens mit der ams AG hat und ob es beispielsweise den Vertrag mit der und der Siemenstochter noch gibt. Den konnten wir mit wenigen Klicks auch finden.

Ein schönes Beispiel für den Einsatz von Digitalisierung im Rechtsbereich.
JS: Ein weiteres Beispiel ist unsere Patentapplikation. Wir sind das innovativste Unternehmen Österreichs. Wir haben letztes Jahr 123 neue Patente angemeldet. Die AVL ist am zweiten Rang mit 67, glaube ich. Allerdings wird die AVL als führend angesehen, weil sie in Österreich anmeldet. Das machen wir gar nicht. Wir melden gleich beim Europäischen Patentamt in München an.

Kein nationales Patent, sondern ein Europa-Patent…
JS: Ja, wir melden gleich ein EU-Patent an, , und haben mittlerweile über 2000 verschiedene Applikationen. Natürlich hat eine Firma wie z.B. IBM mehr. Aber für uns, für unseren Bereich sind wir jetzt wirklich führend, was das angeht. Patentname, Patentnummer, das Datenblatt, das ist bei uns alles digitalisiert, das können wir auf Knopfdruck abrufen.

Das zeigt, wie man Digitalisierung im Unternehmen leben kann.
SK: Ja, für mich betrifft es den Bereich Sponsoring, hierbei sind die Sponsoring-Verträge selbstverständlich alle digitalisiert.
Applikationen wie Alexa sind also mit Sensoren der ams AG bestückt?
JS: Bei der Digitalisierung des Haushalts sind oft Sensoren der Firma ams AG im Einsatz, ja. Die Sprachsteuerung kann beispielsweise über unsere Sensoren gesteuert werden, darum ist das ein großes Thema, wo eine Firma wie die ams AG einen großen Beitrag zur
Digitalisierung leisten kann. Dazu gehört auch die Active-Noise-Cancellation-Technologie, die man in neuen Telefonen oder Kopfhörern findet und wo die Nebengeräusche herausgefiltert werden, so dass einwandfreies Hören und Telefonieren in geräuschstarker Umgebung möglich ist…

Gibt es da nicht auch Cochlea-Implantate für gehörlose Menschen?
SK: Vor gar nicht allzu langer Zeit haben wir während einer Charity-Veranstaltung zugunsten von „Get-a-hearing“ einen wissenschaftlichen Test, mit dem Cellisten schlechthin in Österreich, Friedrich Kleinhapl, gemacht. Wir haben ihn zu uns eingeladen, da wurde mit Künstler und Publikum ein Test gemacht. Im Rahmen des Konzerts wurde z.B. unser Blutdruck gemessen, und welche Auswirkungen die Musik darauf hat.
JS: Früher kannte man das vom Sport – man hat sich einen Brustgurt umgespannt und dann konnte man mit der Pulsuhr seinen Puls messen. Das geht jetzt einfacher, nun gibt es Bänder für das Handgelenk, die mit weißem Licht ausgestattet sind. Diese können den Blutdruck oder auch andere Parameter messen und die Ergebnisse gleich auf das Smartphone übertragen. Für diese Technologie liefern wir Sensoren und Schnittstellen.
Ich habe im Mai für die ams AG den Primus Award für die Sparte Global entgegengenommen, und dort wurde festgestellt: „Die ams AG ist überall, und keiner weiß es genau.“ Niemand geht in einen Shop und kauft unsere Sensoren, sondern sie werden auf spezielle Anforderung produziert. Wir produzieren kein Smartphone selbst, aber wir liefern dafür Sensoren.

Das ist eine große Herausforderung für Ihre PR-Abteilung. Wohin führt die Digitalisierungs-Reise? Wie wird es in fünf Jahren aussehen?
JS: Das ist schwer zu beantworten. Vor einem Jahr konnten wir uns ja Technologien, die jetzt schon wieder selbstverständlich sind, noch nicht vorstellen. Gesichtserkennung, Gassensoren die den Alkoholgehalt bestimmen können, klangen weit weg. Daher kann ich es als Nichttechniker überhaupt nicht abschätzen, wo wir in 5 Jahren sein könnten.
Man sieht natürlich durch die Werbung und das Thema Alexa & Co, dass es in die Richtung geht, dass man nur Fragen oder Befehle ausspricht, und schon wird es ausgeführt oder beantwortet.
Wenn man Ihren Namen googelt, Frau Külper, stößt man auf eine Mischung aus Technik, Sport und karitativem Engagement? Eine spannende Kombination.
SK: Ja, das ist eine Kombination, die durch die ams AG, dem Eiskunstlaufen und diversen karitativen/ehrenamtlichen Engagements zutrifft.

Hat man als Sportlerin einen Vorteil beim Start ins Berufsleben? Oft wird ja gesagt, dass bestimmte Einstellungen, wie beispielsweise das Leistungsdenken, einen gewissen Vorteil schaffen.
SK: Ich denke schon, will nicht sagen, dass ich perfektionistisch denke, aber die Dinge bestmöglich und rasch zu Ende zu bringen ist schon „meins“. Deswegen bin ich sehr froh, dass ich neben dem klassischen Sekretariat für das Management Board, ebenso spezielle Projekte bei der ams AG betreuen kann. Dazu gehört das gesamte Sponsoring – sei es Sport, Corporate Social Responsibility, Jugend und Ausbildung allgemein. Dieses Budget darf ich verwalten und habe bis zu einem gewissen Grad auch Entscheidungsfreiheit. Da kommt es mir manchmal schon zugute, dass ich weiß, wo es im Sport langgeht… das ist mein Steckenpferd.

Sie waren Eiskunstläuferin – wie sieht es aus, in Zeiten der Digitalisierung, kann man Eiskunstlauf auf der Wii nachstellen oder sind die Bewegungen viel zu komplex und akrobatisch?
SK: Das ist nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Grundsätzlich ist dieser Sport zu komplex, das funktioniert nicht. Bei mir ist das natürlich sehr lange her, ich war ab meinem 5. Lebensjahr Eisläuferin und Eiskunstläuferin und habe dann mit 18 als Profisportlerin bei Holiday on Ice gearbeitet. Ich bin dem Sport nach wie vor sehr verbunden. Digitalisierung hat damit eher weniger zu tun. [lacht]
JS: Ich sehe das jetzt immer bei „E-sports“, wie das so genannt wird – ich fange damit wenig an, für mich ist das ein Widerspruch in sich.
SK: Es findet kaum körperliche Bewegung statt, würde „richtig“ ausgeübten Sport immer vorziehen.
JS: Da muss ich ehrlich sagen, da halte ich den Begriff allein schon für falsch.
SK: Lassen wir’s gelten für die Fingerfertigkeit und das Reaktionsvermögen, aber mehr nicht.

Maximal der Siegeswille ist vielleicht annähernd derselbe?
SK: Ja, vielleicht, aber nicht für uns persönlich. Mag für andere sein [lacht].

Aber das eisige Terrain, die ästhetischen Aspekte, die Verletzungsgefahr – da gibt es durchaus Parallelen mit der Berufswelt, oder?
SK: Absolut, ja – dieses Hinfallen und Wieder-Aufstehen, diese Ups and Downs.

Ein kontroverses Thema: Warum verstecken sich Frauen oft in der zweiten Reihe? Haben Sie eine Antwort auf diese Frage?
SK: Eine Antwort nicht, aber ich teile die Verwunderung, dass es nach wie vor so ist. Ich finde es toll, dass jemand wie Angelika [Weber] so erfolgreich ist. Sie gehört mit Sicherheit noch zu den wenigen Frauen, die das schaffen.

Jeder definiert für sich Erfolg anders, oder?
SK: Ja. Ich für meinen Teil bin zufrieden…

Privat ist bei Ihnen alles digitalisiert? Von der Haustechnik bis zum Einkaufszettel?
SK: Nein, eigentlich nicht.
JS: Das Modernste, das wir haben, ist eine Fingerprint-Tür. Wir haben kein Alexa, keinen Kühlschrank, der schon scannt, was du reingibst und dir sagt, was du neu kaufen musst.

Wie ist das dann mit Notebook und Laptop bei Ihnen: Bleiben die im Urlaub zu Hause oder müssen sie mit?
SK: Ich habe mein Notebook immer mit. Ich bin erst gestern aus Äthiopien zurückgekommen, und hatte natürlich mein Notebook mit.

Waren Sie beruflich in Äthiopien?
SK: Nein, es war privat. Schon eine Rundreise – aber, und deshalb war es für mich sehr wertvoll – wir haben auf privater Basis – sagen wir so, einfach Gutes getan. Und es war sehr lehrreich und eye-opening.

Da relativiert sich Vieles…
SK: Absolut.

Was ist das wichtigste Gut für Sie, oder die wichtigste Erkenntnis?
SK: Eigentlich das, was ich schon vorher wusste: nämlich die Familie, innere Zufriedenheit, und auch ein guter Mensch zu sein, egal in welchem Bereich. Man kann viel Gutes im Kleinen tun und dies verändert zumindest in kleinen Schritten. Wenn nur eine einzige Seele davon profitiert, dann war es das schon wert. Und das hat diese Reise bestätigt.