Schöne neue Welt der digitalen Medien?

Thomas ReiterThomas Reiter

Ein digitaler Ausflug in den Medienbereich mit NEWS-Standortleiter Thomas Reiter. Wir diskutieren über die großen Herausfor­derungen in der digitalen Medienwelt, über Haptik als Mehrwert im Print-Sektor und das große Potenzial des Bewegtbildbereichs. Und wir philosophieren über ein digitales Herbstfest.

Lieber Herr Reiter, Sie sind für den Standort Steiermark der Verlagsgruppe News zuständig?
Ich komme aus dem betriebswirtschaftlichen Bereich und mache eigentlich Unternehmensstrategie und Unternehmensentwicklung und arbeite schon lange im Medienbereich. Zuerst bei der Woche, dann im Agrarsektor – frisch, saftig, steirisch – und jetzt wieder im Medienbereich.

Der Medienbereich hat Anziehungskraft?
Ja, es ist ein sehr dynamischer, schnelllebiger Markt. In der Medienbranche kann sich von einem Tag auf den anderen alles ändern. Das ist schon sehr reizvoll.

Ein Bereich, wo die Digitalisierung jetzt auch einen großen Wandel bewirkt hat.
Absolut, wobei wir in punkto Digitalisierung schon seit jeher das Unternehmen aktiv darauf ausgerichtet und daran angepasst haben. Daher sind wir als Unternehmen im Digitalbereich in dieser Zeit der Veränderung auch sehr erfolgreich, auf diversen Online-Plattformen und durch 360-Grad-Kampagnen für den Kunden.

Eine provokante Frage: Wie lange wird es die Print-Zeitungen und -Zeitschriften noch geben?
Ich glaube, dass es Print in den Nischen, in den High-Interest-Bereichen, noch wesentlich länger geben wird. Bei sehr breit aufgestellten Magazinen wird die Erosion sehr schnell passieren. Bei den Tageszeitungen wird das auch eine riesige Herausforderung sein – dass Kaufzeitungen zu Gratiszeitungen werden. Das kann keiner wirklich noch sagen, wie schnell diese Erosion da passiert. Dass sie da ist, das spüren wir, wir sehen aber auch, dass es mit neuen Ideen wie dem Steiermark-Magazin durchaus Möglichkeiten gibt, den Printbereich auf neue Beine zu stellen – das beweisen wir.

Es gibt also durchaus Chancen.
Absolut – wir haben jetzt gerade erst mit einem neuen Magazin gestartet, dem Steiermark-Magazin, das allen zwölf Magazinen der Verlagsgruppe News beigelegt wird. Das entwickelt sich sehr gut.

Sind Sie eher ein Freund der Nischen oder denken Sie, dass aus betriebswirtschaftlicher Sicht das Hauptaugenmerk eher auf die breite Zielgruppe gelegt werden muss? Womit kann man am Markt eher bestehen?
Ich glaube, dass die Spezialisierung sicher ein ganz wichtiges Thema sein wird. Wir decken mit unseren Produkten zwölf verschiedene Spezialisierungen ab: Frauen, Hobby, Nachrichten, Wirtschaft, und so weiter, und das Steiermark-Magazin kommt in alle diese Magazine hinein, das widerspricht also ein wenig dem Trend der Digitalisierung. Wir wollen ganz breit aufgestellt sein und dort medial präsent sein, wo man vielleicht gar nicht mit uns rechnet. Das ist für viele Kunden, Partner, die Inserate schalten, ganz wichtig.

Also hochwertiger Content durchaus in spezielleren Nischen, da die Kunden angesichts der Fülle an Informationen anspruchsvoller werden?
Wir merken, dass die Menschen zwar auf ihren Bereich fokussiert sind. Wenn sie dann aber unerwartet mit anderen Themen konfrontiert werden, und das Magazin interessant gestaltet und gut aufbereitet ist, dann nehmen sie auch einmal neue Dinge auf: Nicht-Autoliebhaber beschäftigen sich dann plötzlich mit dem neuen Automarkt oder Männer blättern vielleicht einmal in einem Gusto-Magazin oder einem Woman-Magazin. Wir merken, es gibt auch Raum für breite Themen, nicht nur für sehr spitze Themen. Das beweist unser Magazin, das mittlerweile sehr erfolgreich ist.

Nimmt der Stellenwert von Design im Medienbereich zu?
Ja, natürlich, die Haptik, die Aufmachung, das hat aus meiner Sicht einen sehr großen Stellenwert. Der erste Eindruck zählt – wie etwas aufbereitet ist und dargeboten wird, das entscheidet innerhalb kürzester Zeit, ob man hingreift, ob man zu blättern beginnt, oder eben nicht. Design und Layout müssen topmodern sein. Wie beim Menschen entscheidet das über Sympathie.

Ich habe kürzlich einen Amateur-Clip gesehen, von einem einjährigen Mädchen, das vor einem Print-Magazin sitzend verzweifelt probiert, mit seinem Finger etwas in Bewegung zu bringen. Doch da tut sich nichts. Die Kleine drückt dann mit ihrem Finger auf den Oberschenkel, wohl um zu sehen, ob ihr Finger wohl richtig funktioniert – dann beginnt sie wieder am Magazin zu wischen. Dieser Blick, dieses Erstaunen, dass sich da nichts bewegt – das ist wohl eine gewaltige Transformation, die sich da schon sehr früh in den Köpfen unserer Kinder bemerkbar macht?
Ein Freund aus einer Werbeagentur hat mir einmal gesagt „Meine Kinder lesen nicht mehr, sie nehmen nur mehr Bewegtbilder auf.“ Das ist natürlich eine komplett andere Entwicklung, wo wir zwar im Digitalbereich sind, aber im Bewegtbildbereich. Dazu bewegen wir uns auch plötzlich im dreidimensionalen Raum. Ich glaube, dass sich daraus enorme Geschäftsmodelle entwickeln werden. In diesem 3D-Bereich werden sich Unternehmen in einer ganz neuen Welt präsentieren können. Dazu hat die Spieleindustrie beigetragen, dass sich die Dinge in einer so rasanten Geschwindigkeit entwickeln. Bald werden Unternehmen ihre Produkte wohl im digitalen dreidimensionalen Raum anbieten.

Lesen ist ja auch anstrengend…
Das Lesen beansprucht sehr viel Aufmerksamkeit. Wenn wir zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto unterwegs sind, lässt sich das nicht mit dem Lesen vereinbaren. Bewegtbilder hingegen lassen sich parallel bis zu einem gewissen Grad wahrnehmen, ob akustisch oder visuell. Mit Bewegtbildern bediene ich zwei Sinne. Wenn ich gerade nicht hinschauen kann, kann ich Informationen immer noch über den akustischen Kanal wahrnehmen, und umgekehrt. Der Wandel wird gewaltig sein, alles bisher Dagewesene sprengen. Auch das Wischen auf dem Smartphone ist ja etwas, was während des Autofahrens nicht geht, obwohl es viele tun und damit sich und andere damit gefährden. Ich glaube daher, dass der Sprung ins Digitale nur ein kurzer sein wird, und ein langer hin zum bewegten Bild.

Hatten Sie schon einmal eine VR-Brille auf? Wie wär’s mit einem digitalen Herbstfest?
Ja, ich bin einmal Achterbahn gefahren und dachte, ich muss sterben. Beim digitalen Herbstfest könnten wir zwar nicht mehr von der gleichen Käseplatte essen, aber wir können trotzdem miteinander kommunizieren. Mit einer VR-Brille ist man mittendrin im Geschehen, auch wenn man es physisch nicht ist. Das ist sicher auch für eine Galerie und für Kunsthäuser ein spannendes Thema. Man kann um 19:20 in einer Ausstellung in Graz sein, und um 19:25 in New York… Ich denke, das ist eine unaufhaltsame Entwicklung. Vielleicht werden wir in Zukunft keine Reisen mehr über den Katalog buchen, sondern unsere 3D-Brillen aufsetzen und uns das Angebot des Reiseveranstalters vor Ort ansehen. Natürlich, das Besondere wird immer der Besuch vor Ort bleiben, das Flair zu erleben. Live ist live. Die Begegnung, die echte Begegnung, wird immer im wirklichen Leben sein und etwas ganz Besonderes sein. Aber ich kann innerhalb von Sekunden meinen Aufenthaltsort ändern. Das werden die wirklichen, spannenden Herausforderungen.