Kunst, Technik und virtuelle Realität

Gerhard Kubassa, Akt abgewandtGerhard Kubassa, Akt abgewandt

Ein digitales Gespräch mit dem Künstler Gerhard Kubassa, der bei unserem Herbstfest 2016 für dekorative und tiefsinnige Überraschungsmomente sorgte. Über Kunst als Architektur-Ersatz, über die Sehnsucht nach Harmonie, seinen Lieblingsbaum und die Symbiosen zwischen Kunst und Bildhauerei sowie Kunst und Technik im Virtual Reality-Painting.

Gerhard, magst du uns deine Gemälde hier ein wenig vorstellen, bitte?
Gerne. Was wir hier sehen, sind Bilder aus der Serie “Wachsende Körper”. Dahinter steckt die Idee, mit Zartheit und fragilen Ästen Körper oder Menschen zu zeigen. Das Betrachtererlebnis wird so gestaltet, dass dem Auge ermöglicht wird, das Gebilde fertig zu denken. Es ist eigentlich nur ein Dreiviertelkreis, den ich zeichne. Das Auge des Betrachters erledigt den Rest, baut die Geschichte fertig zusammen.

Oh, jetzt sehe ich es erst… da steckt ein Akt zwischen den Ästen, jetzt erkenne ich ihn erst!
Ja genau, so eine Überraschung steckt in allen Bildern, und das ist auch nicht gleich zu erkennen. Es geht um den Überraschungseffekt und um den Hinweis auf den zweiten Blick, damit man nicht einfach vorbeiläuft, sondern auch genauer schaut. Der Versuch, an den Baum zurückzudenken, gelingt fast nicht mehr: Sobald man einmal etwas Anderes darin entdeckt hat, sieht man nur mehr den Menschen. Es handelt sich also gleichzeitig um eine Metapher, wie wichtig wir uns als Mensch nehmen und wie weit die Natur zurückgedrängt wird.

Welche Emotionen möchtest du mit deinen Werken transportieren?
Die Motive sind sehr oft Paare, weibliche Akte – oder auch Pferde. “Die tanzenden Pferde” beispiels­weise ist ein recht harmonisches Motiv, das es mir angetan hat. Das braucht es auch, da die Äste an sich ja recht spröde und nackt wirken. Wenn man dann in das Motiv hinüberkippt, wird es interessant und dann gewinnt das Bild an Tiefe. Darum ist die Motivwahl schon sehr entscheidend.

Als Bestauner, Betrachter deiner Kunstwerke sieht man „nur“ das Endprodukt eines langen Prozesses von der ersten Idee bis zum fertigen Gemälde. Könntest du uns diesen Prozess ein wenig skizzieren, bitte?
Ich gehe von einem Foto oder von einem Erlebnis aus. Wenn ich denke, dass es sich gut umsetzen lässt, versuche ich es im Raum darzustellen. Dann gibt es einen Skizzenprozess mit zehn bis zwanzig Skizzen. Dabei nähere ich mich an die perfekte Form an. Es geht ja bei einem Baum ganz viel um Gleichgewicht, damit er natürlich aussieht, zumindest halbwegs. Und das ist ein Prozess, der mit Statik zu tun hat. Wie drehe ich die Äste, wo wird es ausgewogen, wo ist die Verzweigung zum nächsten Ast. Ich komme aus der Architektur, und deshalb ist das für mich Architekturersatz. Aus den Skizzen wähle ich die beste und setze sie um.

Setzt du dich auch in die Natur hinaus?
Ich bin sehr viel im Wald unterwegs, liege oft einfach irgendwo unter den Bäumen und schaue nur. Ich glaube, man muss die Äste und die Natur zuerst begreifen, um dann etwas Ähnliches zu schaffen. Und doch ist es eigentlich immer nur ein schlechter Abklatsch der echten Natur, mit einer Prise Humor dabei, durch das Versteckte darin.

Was ist dein Lieblingsbaum?
Die Platane. Sie hat überdimensionale Ahornblätter und einen schuppigen Stamm in Grau-Beige-Tönen, der stark abblättert. Diesen Baum finde ich total imponierend. Ich kenne ein paar echt große, zum Beispiel im Schlosspark von Eggenberg. Die Platane hat es mir angetan.

Doch die Bäume in deinen wachsenden Körpern müssen ohne Blätter auskommen…
Ja, ich habe bisher ein einziges Bild mit Blättern gemalt. Es heißt “Herbst” und zeigt meine Tochter mit einem Besen in der Hand, die das Laub zusammenkehrt.

Hat deine Tochter auch einen Baum in ihrem Zimmer hängen?
Sie hat selbst schon einen wachsenden Körper gemacht, mit ihren Kuscheltieren als Überraschungseffekt darin. Ich habe ihr beim Skizzieren geholfen, gemalt hat sie selbst. Sonst ist sie aber eher die Schreiberin in unserer Familie.

Gerhard, kennst du Virtual Reality Painting? Man hat die VR-Brille auf und gestaltet im dreidimensionalen Raum…
Das ist cool, sehr spannend. Ich kenne Formen des Gestaltens im dreidimensionalen Raum im Zusammenhang mit 3D-Drucker, aber das habe ich ehrlich gesagt noch nicht ausprobiert. Ich stelle es mir von der Umsetzung her sehr spannend vor, denn eigentlich ist es Bildhauerei. Es muss sehr schwierig sein.

Könnte es nicht sein, dass VR-Painting für Geübte leichter ist, weil keine Reduktion von 3D auf 2D im Kopf passieren muss, und dass in Wahrheit das Reduzieren von 3D auf 2D in der traditionellen Malerei schwieriger ist?
Glaube ich nicht, denn wir haben eigentlich 2D-Bilder im Kopf. Ich habe einmal einen wachsenden Körper, also die Äste eines meiner Bäume in Bronze gießen lassen. Danach wurden die Äste gebogen und verschweißt, das ganze Gebilde war rund einen Meter hoch. Ziel war es, den darin versteckten Körper von einem Punkt aus erkennbar zu machen. Da habe ich erlebt, wie schwierig die Arbeit mit der zusätzlichen Dimension ist, das ist von der Technik her wirklich ein Quantensprung!

Ist VR-Painting für dich noch Kunst, oder schon mehr Technik?
Für mich kennt Kunst keine Grenzen, auch etwas sehr Technisches kann Kunst sein. Der Prozess ist das Spannende. Ich halte VR-Painting jedenfalls für ein Gebiet mit großer Zukunft. Auch Hologramme sind derzeit sehr trendy.

Was hältst du von einer virtuellen Präsentation deiner Kunstwerke? Was, wenn es eines Tages keinen echten Kubassa mehr an der Wand hängen gibt, sondern du verkaufst Daten für Bildschirme, auf denen mehrere wachsende Körper in Serie präsentiert werden?
[lacht] why not… Original bleibt zwar Original, doch wer weiß, was noch kommt. Wenn Ihr ein Versuchskaninchen braucht, bin ich jedenfalls gerne zur Stelle!