Industrie 4.0 und Ethik 3.0 im virtuellen Rucksack

Dr. Michael SchmejaDigital Future Congress am 17.11.2016 Foto Fischer, Herrengasse7, 8010 Graz, Tel.: 0316/ 825322, mail: studio@fotofischer.at

Angeregtes Philosophieren mit Dr. Michael Schmeja, Head of Area Information & Process Management im Kompetenzzentrum Das Virtuelle Fahrzeug: Über den großen Wert branchenfremder Perspektiven, Mehrwerte jenseits des klassischen Funktions-Knowhow und darüber, dass wir uns in unserer hochkomplexen und digitalen Welt manchmal mit Fragen begnügen müssen, da jeder Versuch einer Antwort letztendlich nur eine vorsichtige Näherung sein kann.

Wie hat Ihnen der Digital Future Congress gefallen?
Was mir gefallen hat, war der breite Horizont. Von der digitalen Zukunftsperspektive über Geschäfts¬modelle, hochkarätige Referenten, insbesondere Herrn Pirker von der Verlagsgruppe NEWS bis hin zu ethischen Aspekten wurde wirklich ein sehr breites Spektrum abgedeckt. Das habe ich selten so auf einer Veranstaltung erlebt. Deshalb hoffe ich sehr, dass es 2017 wieder eine vergleichbare Veran¬staltung geben wird.

Was nehmen Sie im virtuellen Rucksack mit nach Hause?
Mit nach Hause nehmen werde ich wertvolle Kontakte, vielleicht gar nicht so sehr die neuen, sondern alte, die man vertieft hat, wo man sich bei gleichen Themen zusammenfindet. Was die die Vorträge angeht, hatte für mich die Präsentation von Herrn Pirker von der Verlagsgruppe News den größten Neuigkeitswert.

Somit ein branchenfremder Vortrag…
Ich bin viel auf Veranstaltungen, halte selbst Vorträge, und habe diese einschlägigen technischen Betrachtungen schon öfter gehört, aber Herr Pirker hat sehr stark die betriebswirtschaftliche Komponente eingebracht, das war aufschlussreich.

Sind die Erkenntnisse daraus für Sie als Vertreter einer außeruniversitären Forschungseinrichtung für Ihren Geschäftsbereich direkt anwendbar oder war es nur aus der Metaperspektive interessant und inspirierend?
Ich komme aus einer Forschungsgesellschaft, wo wir angewandte Forschung betreiben und meistens nicht bis in die Produktentwicklung gehen. Aber es hilft uns natürlich, unsere Kunden besser zu verstehen und das, was mit unseren Ergebnissen letztendlich passiert.
Unser Kompetenzzentrum Das Virtuelle Fahrzeug ist das größte in Österreich. Wir beschäftigen uns mit Mobilität und computergestützter Fahrzeugentwicklung. Ich leite den Bereich Informations-management, wo es um das Verknüpfen und Interpretieren von Daten geht, und das ist ja die Grundlage für Industrie 4.0. Wir haben kürzlich einen Auftrag bekommen von einem großen steirischen Leitbetrieb in der Semiconductor Industrie. Offen gesagt haben wir wenig Ahnung, wie man Chips herstellt, das können die Kollegen besser, aber wir wissen, wie man die vorliegenden Daten zusammenführt und wie man sie interpretieren kann. Und das ist aktuell stärker nachgefragt als das klassische Funktions-Knowhow.

Die Herausforderung besteht darin, dass die Projekte immer interdisziplinärer werden, und dass es da helle Köpfe braucht, die die Fäden zusammenführen können?
Es gibt natürlich viele Definitionen von Industrie 4.0. Der Kern ist aber, dass alle Beteiligten in irgendeiner Form Informationsträger sind. Wir haben Maschinen, Menschen und Material, und diese Informationen müssen zusammengeführt und in den richtigen Kontext gesetzt werden, um damit einen Mehrwert zu schaffen. Natürlich ist nach wie vor Logistik und Anlagenplanung wichtig, und alles, was klassische Produktion ausmacht – aber dieses Verknüpfen von Daten und das Extrahieren der Information ist es, was wir einbringen.

Welche Trends, welche Entwicklungen, welche spannenden Projekte gibt es aktuell in Ihrem Bereich?
Die Trends sind Elektromobilität, das vernetzte Fahrzeug, die intelligente Produktion, sichere und vertrauenswürdige Daten und der Mensch inmitten als zentrales und flexibelstes Element. Unser Schwerpunkt ist es, die einzelnen Akteure im Lebebszyklus eines Produktes (Entwickler, Werker, Tester, aber auch Benutzer) in ihrer Arbeit zu unterstützen, indem wir ihnen im Kontext ihrer Tätigkeit relevante Informationen zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Qualität und in einem handhabbaren Ausmaß zur Verfügung stellen. Dafür braucht es vor allem intelligente Algorithmen, manchmal auch semantische oder kognitive Ansätze und eine gute Aufbereitung durch Visualisierung.

Wie leben Sie das Thema Ethik in Ihrem Bereich? Wenn ich mich an meine Schulzeit zurückerinnere, „Die Physiker“ von Dürrenmatt, da ging es um die Frage, inwiefern der Erfinder oder Entwickler auch für die Folgen seiner Erfindung verantwortlich ist.
Zuerst würde ich gerne einmal wertschätzen, dass Sie diese Frage überhaupt stellen. Ich hoffe, dass Sie darauf viele g‘scheite Antworten bekommen und vor allem auch damit viele Menschen zum Denken anregen. Ich war im Herbst bei einem Vortrag in Berlin – da ging es um Rechtsfragen, und es wurde sehr schön dargestellt, dass man in diesem Bereich noch bei 3.0 ist. Das hat glaube ich noch niemand zu Ende gedacht. Ein Problem ist wohl, dass in den immer komplexeren Wertschöpfungs¬ketten der Einzelne die Auswirkungen seines Handelns gar nicht mehr erkennen kann. Für jemanden, der beispielsweise in einer technischen Abteilung eines globalen Konzerns sitzt, ist es ganz schwer abzuschätzen, was sein persönliches Agieren in letzter Konsequenz bewirkt. So gesehen ist die ethische Frage wirklich nicht leicht zu beantworten. Aber allein dass man sie stellt, ist schon ein guter Dienst an der Menschheit und insbesondere an unserer Community.