Industrie 4.0 oder der Blick über den Tellerrand

Werber Berger beim Herbstfest 2016Werber Berger beim Herbstfest 2016

Ein digitaler Ausflug mit Werner Berger (Siemens) in die USA, nach Kroatien und wieder retour zur Insel der Seligen, nach Österreich. Wir sprechen über Pioniergeist und Missionierungsaktivitäten, um Denkmuster aufzubrechen und den Weg für Industrie 4.0 zuallererst in den Köpfen der Unternehmer zu ebnen.

Lieber Herr Berger, wir kommen zufällig aus dem gleichen Dorf in Kärnten, hätten uns am Schulweg treffen können. Inzwischen sind Sie weit gereist – es tut gut, die Welt kennen zu lernen?
Ja, ich war in Kalifornien, Deutschland, Belgien, fünf Jahre in Kroatien. Es gab zwar den Gedanken, einmal nach Kärnten zurückzukommen, doch es gibt hier wenig international agierende Firmen, eigentlich nur Infineon.

Schließlich sind Sie doch wieder in Österreich gelandet – warum?
Ich hätte 2004 in Kroatien bleiben können, aber zu lokalen Bedingungen. Mit einem kleinen Kind macht man das eher nicht, auch nicht, wenn man das Meer vor der Tür hat. Ich leitete dort ein Siemens-Unternehmen mit 100 Mitarbeitern, doch das kann die Nachteile in punkto Gesundheitssystem, Ausbildungssystem nicht wettmachen. Da können Österreich und Deutschland schon als gelobtes Land gelten. Wir leben hier schon sehr fein, sehr gut versorgt, das lernt man erst zu schätzen, wenn man etwas Anderes gesehen hat. Oder wenn man nach einem Surfunfall mit einer gebrochenen Rippe auf einem Röntgengerät der 1960er Jahre liegt.

Sie sind bei der Siemens…
Ich bin bei Siemens in der Industriesparte und betreue vertrieblich Innovationsthemen im Bereich Digitalisierung für ganz Österreich und teilweise für den CEE-Raum. Es geht darum, die Industrie 4.0-Lösungen auf den Markt zu bringen, aufzubereiten, Kunden zu entwickeln. Sehr spannend, zukunftsträchtig. Ich bin ja Quereinsteiger, komme eigentlich aus der reinen Software-Sparte. Sehr oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Industrieunternehmen noch nicht bereit sind für grundlegende Änderungen. Da kommt man dann zu einem Meeting, spricht vom Datenanalysieren, von der Cloud – da schauen einen die Zuhörer oft völlig verständnislos an.

Da muss man also weit zurückmarschieren, um den Kunden abzuholen?
Ja, in meinem ersten Jahr habe ich tatsächlich viele leere Kilometer dabei gemacht, weil ich quasi nur missioniert habe. Jetzt bin ich seit zwei Jahren in der Branche. Das erste Jahr war einfach noch zu früh, da waren die Unternehmen noch nicht bereit. Doch dieses Jahr war erfolgreich, die ersten Aufträge, Produktivsysteme. Jetzt verstehen die Firmen, dass Security ein Thema ist – auch für die Industrie, nicht nur für den Consumer oder die Office IT.

Haben die USA im Industrie 4.0-Bereich die Nase vorn?

Nicht wirklich, witzigerweise denke ich sind die USA in diesem Bereich teilweise noch weiter hinten. Industrie 4.0 ist ja von Deutschland und Frau Merkel ausgegangen. Jetzt merkt man schön langsam, wenn jüngere Geschäftsführer ans Ruder kommen, dass sie mit dem Thema schon mehr anfangen können. Der klassische Instandhalter, den muss man allerdings sehr lange überzeugen.

… weil er Sorge um seinen Arbeitsplatz hat?
Ja, natürlich, das ist der Klassiker. Der Arbeiter denkt sich „Jetzt habe ich das 20 Jahre lang so gemacht, wozu brauche ich Euren Blödsinn.”

Sie hatten bereits sehr verantwortungsvolle Positionen inne. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Mitarbeiterführung?
Ich glaube, dass die Unternehmen in Österreich da noch ganz am Anfang stehen. Wir haben seit einem Jahr ein sehr großes Unternehmen unter Vertrag. Der Vorstand hat die Botschaft transportiert, dass Industrie 4.0 erwünscht ist. Die zweite Führungsebene geht noch d’accord. Doch die operative Ebene zieht nicht mit, nach dem Motto, „wir haben schon immer mit der Ölkanne geschmiert“.

Die Überzeugungsarbeit muss aber auf beiden Seiten passieren, im eigenen Unternehmen gleichermaßen wie im Kundenunternehmen?
Absolut. In Großunternehmen ist man es oft gewohnt, in Großaufträgen, in Millionen, in Bestellnummern zu denken. Innovative Projekte kann man so aber oft gar nicht durchführen. Da muss man sich manchmal mit Kooperationen behelfen, mit flexiblen Partnern.

Industrie 4.0 erfordert also komplettes Umdenken, das Verlassen vom alten Fahrwasser.
Manche Unternehmen wollen ihre Prozesse immer nach demselben Schema abarbeiten: Spezifikation, Bestellung und basta. Ich komme gerade von einem Kunden aus der Steiermark – für Industrie 4.0-Projekte muss man permanent mit dem Kunden arbeiten. Industrie 4.0 ist ja nicht fertig – da kann es passieren, dass wir in ein paar Monaten die Marschrichtung wieder ändern müssen. Es gibt einfach kein fix-fertiges Produkt, es geht um ein komplett neues Denkmuster. Es geht darum, den Use Case zu finden, der wirklich etwas bringt. Das ist zugleich das Spannende daran!

Da kann man kreativ sein…
Das ist ja das Schöne. Es gibt keine Bestellliste für eine Industrie 4.0-Lösung. Da werden kreative Köpfe gebraucht, vor allem im Projektmanagement und in der Projektbegleitung, denn der Kunde ist in diesen Bereichen stark gefordert, manchmal überfordert, es handelt sich ja nicht um sein Tagesgeschäft.

Dann danke ich sehr herzlich und wünsche alles Gute für diese Reise von Tessendorf in die Industrie 4.0-Welt!