Digitales Fingerspitzengefühl für Mensch und Maschine

Mayer-Melnhof

Christian Voller-Niederl entführt uns in die Welt der Industrie 4.0 und der E-Health. Spannende Einblicke über die digitale Ablöse des Öl-Kostens und des Fingerspitzengefühls für Papierpressen und Mitarbeiter. Über Security, digitale Gesundheitswächter und die Zukunft der IT-Berufe.

Lieber Herr Voller-Niederl, Sie sind in der Papierindustrie im Instandhaltungsbereich tätig?

Genau. Wir sind für unsere Division zentral am Standort nähe Graz zuständig. Wir haben geschätzt 350 technische User, die wir mit unserem technischen ERP-System betreuen. Wir betreiben dieses technische ERP-System und begleiten auch Prozesse. Wir haben Schlosser, Elektriker und Regeltechniker im Haus und kaufen diese Dienstleistungen nur bedingt zu. Die tägliche Planung und tägliche Anleitung dieser Arbeit bis hin zu geplanten Stillständen verwalten wir mit unserer Software. Alle 6-8 Wochen gibt es einen geplanten Stillstand, wo eine Kartonmaschine für einen Tag abgestellt wird und mehrere Punkte gesammelt abgearbeitet werden.

Und dabei ist Digitalisierung natürlich von großer Bedeutung?

Von großer Bedeutung, ja. Für uns ist gerade jetzt so ein Umbruch. Wir haben eine sehr geringe Fluktuation. Gerade in der Technik beginnen unsere Mitarbeiter in der Lehre und gehen hier in Pension. Dadurch haben diese Mitarbeiter ein enormes Know-How. In den nächsten ein bis fünf Jahren werden ein Drittel der Mitarbeiter in diesem Bereich in Pension gehen, wenn diese weg sind, werden wir enorm an Know-How verlieren. Das ist aktuell unsere große Herausforderung: Wie können wir dieses Know-How abgreifen und für die Nachwelt digitalisieren?

Wie lautet der Plan, wie möchten Sie das in den Griff bekommen?

Wir werden versuchen, das über die menschliche Ebene in den Griff zu bekommen, indem wir die jungen Mitarbeiter mit den alten Hasen zusammenspannen. Darüber hinaus versuchen wir Maschinenteile, die einfach zu überwachen sind, elektronisch zu überwachen. Also weg von der reaktiven Überwachung und Instandhaltung hin zur proaktiven „Preventive Maintenance“. Wir haben viele Sensoren, die brach liegen. Sie liefern zwar Werte, diese werden aber nicht genutzt. Jetzt geht es darum, diesen Datenpool abzugreifen, zu verdichten und die Informationen daraus weiterzuverarbeiten. Was der 55-jährige Kollege sozusagen per Handauflegen genau gewusst hat, dass jetzt beispielsweise bald wieder eine Wartung fällig ist, versuchen wir nun elektronisch zu schaffen.

Weil der Kollege ein ungewöhnliches Geräusch gehört hat, zum Beispiel?

Ja genau, weil er es gefühlt, gehört hat, auch über den Geruch, das Öl-Kosten und so…

Wirklich?                                                                                                                                                                            

Wirklich, ja. Die alten Kollegen waren wie verheiratet mit der Maschine. Deren Intention war es, der beste Schlosser, der beste Mechaniker, der beste Instandhalter zu sein. Das war für ihn das Wichtigste – und dafür ist er auch zu jeder Tag- und Nachtzeit hereingekommen. Den jüngeren Kollegen ist es oft wichtiger, welches Smartphone und welche Hobbies sie haben, der Lifestyle und das Geld, das sie verdienen. Für die ist die Maschine nicht mehr so wichtig. Und daher ist es jetzt unsere Aufgabe und unser Ziel, diesen Sprung irgendwie zu schaffen.

Das Fingerspitzengefühl mit digitaler Unterstützung erhalten…

So gut es geht. Ich sage immer, ich bin eigentlich gar kein IT-Ingenieur mehr, sondern zu 30-40% Psychologe und Change Manager. Manche Kollegen geben natürlich nicht gerne Wissen her, denn dann glauben sie, sie sind ersetzbar. Es geht aber darum, das Wissen zu erhalten und so aufzubereiten, dass es die Nachfolgenden auch verwerten können.

Und dabei ist natürlich auch viel Fingerspitzengefühl gefragt [lacht]. Wie ist es eigentlich mit der neuen Generation von Maschinen, lassen sich diese überhaupt noch so mit Gefühl betreiben, wie es die „alten Hasen“ gemacht haben?

Bei den neuen Maschinen mit ihren Motoren und Frequenzumrichtern werden schon Out-of-the-box-Sensoren mitgeliefert. Bei den Maschinenteilen, die wir seit 30, 40 oder sogar 50 Jahren im Einsatz haben, geht es um reine Mechanik, da gab es natürlich noch keine Sensorik, da ist es natürlich ganz schwierig zu digitalisieren.

Welchen Stellenwert hat Digitalisierung für Sie privat?

Einen sehr hohen. Gerade das Thema E-Health hat für mich einen großen Stellenwert, da ich glaube, dass ich, wenn es kritisch wird, personenbezogene Daten von mir preisgeben würde. Für mich sind elektronische Schlösser oder intelligente Kühlschränke völlig uninteressant. Aber wenn ich lebensbedrohliche Krankheiten oder Diabetes früher erkennen könnte, ist mir Datenschutz völlig egal, denn da geht es um meine Gesundheit. Ich glaube, dass dieses Thema sicher allgemein an Stellenwert gewinnen wird. Ich beschäftige mich auch privat intensiv mit dem Thema.

Gibt es irgendein noch nicht existierendes Gadget, Tool, eine Applikation – etwas, das Sie sich wünschen würden, das es zu erfinden gilt?

Ich interessiere mich sehr für Biosensoren. Meine Vision wäre, irgendwelche Marker zu setzen, und man würde darauf hingewiesen, dass es jetzt an der Zeit wäre, zum Arzt zu gehen. Ich habe so viele Bekannte im privaten Bereich, die diese jährlichen Gesundenuntersuchungen in Anspruch nehmen. Doch das ist im Endeffekt nichts wert, wenn der Arzt gar nicht weiß, worauf er genau schauen soll. Und wenn es dann wirklich einen lebensbedrohlichen Zustand gibt, wäre es auch toll, wenn die Ärzte dann Bescheid wissen: Wogegen bin ich allergisch, welche Erkrankungen, Untersuchungen, Operationen hat es bereits gegeben, welche Historie. Ich glaube, dass dann bald auch Apotheken hinfällig sein werden, weil man einfach nur mehr irgendwohin geht, wo seine ganz persönlichen 6 Tabletten ausgedruckt werden, mit genau diesen Substanzen, die für mich verträglich sind, in genau der Dosis, die ich vertrage.

… weil die Biosensoren gemeldet haben, wie hoch der Spiegel irgendeines Enzyms liegt…

Genau. Diese Biosensoren funktionieren über Hautkontakt, da gibt es jetzt Nanotechnologie mit Mini-Computern, die feiner sind als ein Haar und auch dazu gedacht, dass man sie einatmet oder mit der Nahrung aufnimmt. Aber natürlich auch herausfordernd in puncto Datenschutz, denn wenn ich nichts mehr sehe, wenn ich nicht mehr weiß, was in meiner Nahrung ist, kann ich nichts mehr dagegen tun.

Digital Future Congress, sind Sie dabei?

Ja, natürlich, wie letztes Jahr auch.

Ich bin übrigens ein großer Fan von Gunter Dueck, dem ehemaligen IBM-CTO, der ein Vordenker mit spannenden Ansätzen ist. Da geht es unter anderem um die Berufsfelder, die in 20 Jahren noch benötigt werden – Dueck sagt, viele Berufe werden aussterben, zum Beispiel die Rechtsanwälte und Landärzte.

Aber die IT-Spezialisten sicher nicht [lacht]

Nein, die nicht [lacht].