Digital und kryptisch: Bitcoin, Blockchain und die großen Vorurteile

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Geld regiert auch die digitale Welt: Ein digitales Expertengespräch mit Tech-Scout Daniel Schoberegger über kryptische Kryptowährungen, die Mechanismen hinter den Kulissen und die Gemeinsamkeit zwischen Tulpenzwiebeln, Südseemuscheln und Bitcoins. Und warum Kryptowährungen viel größere Bedeutung haben als angebliche Abzocke und bloßer Hype.

Daniel, worum geht es eigentlich genau bei Bitcoin, kannst du den Hype für uns ein wenig beleuchten, bitte?
Die wenigsten wissen, worum es dabei wirklich geht, da gibt es wohl Aufholbedarf seitens Bildungsinstitutionen und Politik. Auch Anlaufstellen wie die Wirtschaftskammer sollten da Aufklärung leisten, denn oft überwiegt in der Bevölkerung einfach Angst, wenn es um so revolutionäre neue Entwicklungen geht. Oft schon habe ich das Urteil „reine Abzocke“ gehört, wenn es um Bitcoin ging.

Und was sagt der Experte?
Ganz grundsätzlich handelt es sich dabei um eine Kryptowährung, mit der Funktion des Zahlungsmittels. Man kann seinen Kaffee hier in Graz also auch mit Bitcoin bezahlen, wie mit Euro oder Dollar auch. Manche nutzen Bitcoin aber rein zur Spekulation, wie man das mit Fremdwährungen auch tun kann. Man kauft also eine gewisse Menge, wartet, bis der Bitcoin-Kurs steigt, und tauscht dann wieder zurück, um letztendlich mehr Euro in den Händen zu halten. Der dritte Aspekt, und das ist für mich persönlich der spannendste, ist die Technik dahiner, denn das ist die Blockchain. Kryptowährungen wie Bitcoin haben also die drei Funktionen: Zahlungsmittel, Spekulationsobjekt und Anwendungsbeispiel für Blockchain-Technologie.

Eine revolutionäre Technologie…
Die Blockchain-Technologie wird wohl sehr viel revolutionieren, denn es handelt sich um eine dezentrale Technologie, mit der eine neue Form der Konsensfindung möglich ist. Dadurch ist es möglich, dass wir beide einen Vertrag abschließen, ohne eine dritte Stelle zu brauchen. Für den Kauf eines Grundstücks, beispielsweise, brauchen wir jetzt keinen Notar, eine Bank, keinen sonstigen Dienstleister mehr. In einem dezentralen Netzwerk beglaubigen alle Teilnehmer des Netzwerks, dass wir beide einen sauberen Vertrag abgeschlossen haben.

Hm, geht es hier nun hauptsächlich um neue Formen der Verschlüsselung oder wie kann ich mir das ganz genau vorstellen?
Verschlüsselung ist ein Teil davon, aber der Kern sind sogenannte Konsensmechanismen. Es geht also um mathematische Berechnungen und aufeinander aufbauende Verkettungen, die sicherstellen, dass wir diejenigen Personen sind, die wir vorgeben zu sein, und dass wir das vereinbarte Geld auch wirklich der anderen Person transferieren. Das wird komplett die Art und Weise verändern, wie wir Geschäfte miteinander abschließen.

Gut, aber wie will die Blockchain wissen, ob ich genug Geld für das Grundstück auf meinem Konto habe?
Das lässt sich natürlich auch mit diesem Verfahren nicht feststellen. Aber es lässt sich nahezu 100%iger Sicherheit garantieren, dass dein Geld auch bei mir ankommt. Da kann es niemanden geben, der etwas abzweigt, verfälscht, einsieht oder kontrolliert.

Niemanden, der kontrolliert, und auch niemanden, der Zinsen einkassiert.
Genau, daher haben auch manche Staaten digitale Währungen verboten oder wollen das, weil sie weniger kontrollierbar erscheinen. Es gibt Zentralbanken, die sich bereits Gedanken über eine eigene digitale Währung machen. Die Anwendungsmöglichkeiten von Blockchain sind ja eben vielfältig – ich kann damit jeden erdenkbaren Vertrag abschließen, ich kann Identitäten überprüfen und kontrollieren, durch welche Hände meine Paketsendung gegangen ist. Die derzeit als wichtigste fiskalpolitische Komponente der neuen Technologie ist also die vollständige Kontrollierbarkeit und 100% Transparenz, wer wann wie viel Geld an wen überwiesen hat – und diese Daten bleiben auch noch beliebig lange gespeichert. Wenn es um staatliche, auf Blockchain-Technologie basierende Währungen geht, wie sie die Zentralbank von Großbritannien andenkt, wird dieser Aspekt immer besonders lobend hervorgehoben. Mittlerweile existieren jedoch, so heißt es, Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, genau diese Mechanismen auch für z. B. Bitcoin zur Verfügung zu stellen. Wenn es stimmt, dann benutzen diese eine bekannte Transaktion, um damit alle anderen Transaktionen der benutzenden Person zu “enttarnen”.

Bitcoin als Spekulationsmittel ist also ein reiner Nebenschauplatz?
Genau, da gibt es zwar im Moment einen großen Hype, doch die Blockchain-Technologie und die politischen Überlegungen dahinter sind in Wahrheit viel interessanter.

Und dieser Aspekt beschäftigt dann auch wohl viele Startups.
Für Startups sind alle drei Aspekte interessant. Es gibt ein Startup, das Bitcoin-Automaten anbieten, die sind also nur im Zahlungsmittelbereich aktiv. Andere wiederum sind im Hochfrequenzhandel aktiv. Da geht es um Kauf und Verkauf in Sekundenintervallen, reine Spekulationsgeschäfte ohne sonstigen Mehrwert, ohne Produkt. Die Blockchain-Technologie ist grundsätzlich für verschiedenste Unternehmen in verschiedensten Branchen interessant. Zum Beispiel für Energiedienstleister, die die Einspeisungen aus Photovoltaik privater Häuslbesitzer in ihre smarten Netze bewerkstelligen müssen. So können Verträge abgewickelt werden und die Bezahlung kann ebenfalls gleich über Kryptowährungen erfolgen.

Blockchain-Entwickler werden also bald sehr gefragt sein?
Sind sie bereits. Das ist also ein Trend, den die IT-Branche nicht verschlafen sollte. Das ist wohl auch die Herauforderung für die Ausbildungsstätten, denn von vielen Berufsbilder, die entstehen werden, haben wir noch gar keine Vorstellung, geschweige denn Ausbildungsmöglichkeiten. Beim Gamechanger Festival dieses Frühjahr in Wien wurde erwähnt, dass die 10 größten Unternehmen laut dem Fortune-Ranking aus dem Jahr 2000 heute, also 20 Jahre später, in der Form nicht mehr existieren. Diese Unternehmen haben sich also komplett gewandelt: Bieten andere Produkte an, heißen ganz anders oder wurden von Facebook und Co aufgekauft.

Früher gab es ja den sogenannten Goldstandard zur Deckung von Währungen. Und heute, in Zeiten von Bitcoin?
Wie die Finanzwelt wirklich funktioniert, wissen wohl die wenigsten Menschen. Es gibt da ja das berühmte Zitat von Henry Ford: „Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“ Man hat es ja bei der Griechenland-Krise gemerkt, als Griechenland der Pleite nahe war, da hatte ja auch niemand wirklich ein Konzept. Spätestens seit 1914 ist der sogenannte Goldstandard als Währungsreserve auch nur ein Mythos, da wurde er nämlich abgeschafft und ein Nachfolgesystem scheiterte.

Muss man sich jede Währung als reines Tauschmittel mit willkürlich festgelegtem Wert vorstellen?
Ja, letztendlich ist es egal, womit wir tauschen, ob in Tulpen, wie einst in Holland, oder mit Muscheln, wie auf einer Südseeinsel. Jetzt ist es eben eine digitale Währung. Sobald es von mehreren Menschen Vertrauen in so ein Tauschmittel gibt, können wir damit handeln und bezahlen. Auch unser Vertrauen in Euro oder Dollar ist streng genommen ohne Fundament.

Wenn du jetzt Axtesys darum bitten würdest, dein Gehalt künftig in Bitcoin zu bekommen: Wie würdest du wissen, wie viel du zu bekommen hast?
Axtesys müsste nur zu einem Online-Händler gehen und mein Gehalt in Euro zum aktuellen Kurs in Bitcoin umtauschen. Der Kurs schwankt übrigens komplett irrational, wie ein Aktienkurs. Ich denke, das müsste schon funktionieren, ich bräuchte nur ein elektronisches Wallet, eine digitale Brieftasche also. Dann könnte ich mir das dorthin überweisen lassen. Das Wallet ist aber in gewisser Weise auch mit Bargeld vergleichbar, denn wenn ich das Wallet verliere, ist das Geld auch weg, weil es im Grunde nur eine Anhäufung von Datensätzen samt Verschlüsselung ist. Allein durch die Zuordenbarkeit und das Vertrauen dahinter gewinnt das digitale Geld seinen Wert.

Hui, das Smartphone wird bald noch wertvoller sein!
Davon ist auszugehen. Gerade in dem Bereich gilt es auch, schnell zu sein. Die ersten, die mit Kryptowährungen gehandelt haben, sind jetzt in einer sehr guten Position, für alle Nachkömmlinge wird es schwierig. Es gilt also, sich mit der neuen Technologie vertraut zu machen, mit den Vor- und Nachteilen von Kryptowährungen auseinanderzusetzen und diese nicht als reine Abzocke abzustempeln. Da gehört also aufgeklärt, diskutiert, gemeinsam auf der Blockchain programmiert. Warum nicht mal kleine Beträge investieren, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie das funktioniert.

Gute Idee, es muss ja nicht gleich das gesamte Monatsgehalt sein. Herzlichen Dank für das Gespräch!

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