Business Angels und Zocker: „The winner takes it all!”

GameChangers FestivalGameChangers Festival 2018, (c) D. Schoberegger

Interview mit Axtesys-Trend Scout Daniel Schoberegger über das 4Gamechangers Festival 2018 in Wien: Über die Start-up-Szene, verschlafene Trends und wache Social Media-Influencer. Über Business Angels und Zocker. Und warum Axtesys ganz mit vorne dabei sein kann und dadurch auch Kunden von Axtesys zu Game Changers werden.

Du warst vom 18.-20. April beim GameChangers Festival in Wien. Wie war‘s?
Superspannend – ich verfolge sehr gerne die Entwicklungen in der Start-up-Szene, habe ja in New Jersey Entrepreneurship studiert. Ich sehe mir sehr gerne die Problemstellungen und innovative Lösungen dazu an. Einzelne Projekte bei Axtesys könnten durchaus auch eines Tages ein eigenes Start-up werden – und abheben.

Die spannendsten Erkenntnisse aus Wien?
Von den Entwicklungen, die man bei einer solchen Konferenz mitbekommt, kann Axtesys viel an seine Kunden weitergeben, damit diese eines Tages auch zu Game Changers werden und nicht den Zug verpassen. Damit sie in ihrer Sparte, in ihrer Branche auch Revolutionäres schaffen können, um die Nase vorn zu haben, so wie Uber in der Taxiindustrie und SenseTime bei der künstlichen Intelligenz bzw. Gesichtserkennung. Es gab bei der Konferenz drei große Themenbereiche: Kryptowährungen und Blockchain, Digitalisierung und Social Media und drittens Zukunftstrends – der Ausblick, wohin die Reise geht.

Die ganze Crème de la Crème der Start-up-Szene war da?
Ja, Florian Gschwandtner von Runtastic hat einen Vortrag gehalten, zusammen mit seinem Mentor und Investor Hansi Hansmann, dem bekanntesten österreichischen Privatinvestor überhaupt. Im August 2015 ging das Start-up aus Pasching ja für mehr als 200 Millionen Euro an Adidas.
Das ist auch einer der Zwecke des Festivals: Die jungen Leute, die die Ideen haben, zusammenzubringen mit den älteren, die das Geld in irgendwelchen Stiftungen geparkt haben und gerne in eine innovative Geschäftsidee investieren möchten. Diese nennt man ja „Business Angels“.

Wer war noch da?
Max Schrems, der Parade-Datenschützer, zum Beispiel. Er wurde während des Festivals übrigens zum Game Changer des Jahres gekürt. Ich bin ein großer Fan von ihm. Er hat unter anderem aufgezeigt, dass sich Facebook in Europa nicht an geltendes Recht hält. Da sprechen wir noch gar nicht von der neuen EU-Datenschutzgrundverordnung. Und genau dadurch hat Facebook einen dermaßen großen Wettbewerbsvorteil. Max Schrems weckt das Bewusstsein, dass Datenschutz ein Grundrecht ist, gleich wie das Wahlrecht: Und beim Wahlrecht kommt auch keiner auf die Idee, seine Stimme an jemand anderen zu verkaufen. Beim Datenschutz geht das relativ einfach und mit einem Häkchen bzw. einer in den AGBs versteckten Zustimmung, und schon sind personenbezogene Daten verkauft.

Dadurch wird ja auch nationale Rechtssprechung letztendlich ausgehebelt. – Und die Politik glänzte beim Event durch Abwesenheit?
Auch die Politik hat inzwischen überrissen, dass sie die Entwicklungen in der Start-up-Szene nicht verschlafen darf. Dieses Jahr war Bundeskanzler Kurz dort, vergangenes Jahr war es Bundeskanzler Kern. Heute braucht es Politiker, die die aktuellen Entwicklungen wirklich gut verstehen. Die Förderung von Start-ups steht inzwischen zwar auch auf der politischen Agenda – aber leider viel zu spät. Beispielsweise hat die Wirtschaftskammer erst 2016 erstmals ein Büro im Silicon Valley eröffnet. Das hätte wohl schon um 2000 herum passieren müssen, inzwischen wäre ein Standort in Südostasien wahrscheinlich sinnvoller. Aber so ist es halt. Wir diskutieren hier über ein Heimatschutzministerium, in Bayern haben sie einen Heimatschutzminister, wir sollten vielleicht besser ein Digitalisierungsministerium ins Leben rufen.

Blöde Frage: Sind Start-ups ausschließlich ein Phänomen unserer heutigen Zeit? Die Unternehmen, die versucht haben, gesellschaftlich relevante Probleme auf eine neuartige Weise zu lösen, hat es ja schon immer gegeben, oder?
Heute denkt man bei Start-ups an Unternehmen wie Airbnb oder Uber. Sie sind durch flache Hierarchien geprägt, flexibel und dynamisch. Und sie haben eine Idee, um die Welt zu verändern. Gerade in der IT kann man sehr schnell etwas beginnen, viele Millionen Benutzer haben und das Unternehmen hebt quasi ab. Apple und Microsoft starteten in einer Garage und verändern jetzt die komplette Welt. Das gibt es in der Form erst, seit es IT gibt, würde ich behaupten.

Und heute werden Start-ups stärker gefördert.
Ja, doch da sind wir in Österreich im Nachteil. Es gibt im ersten Jahr zwar viele öffentliche Förderungen für Start-ups, und Privatinvestoren machen üblicherweise rund eine halbe Million locker. Doch dann, bei einem Firmenwert zwischen einer und fünf Millionen wird es eng für ein Start-up. Da spielt die berühmte Kultur des Scheiterns eine Rolle, die es so in Österreich nicht gibt. Präsentiert man in Österreich eine Idee, so ruft man zuallererst die Kritiker auf den Plan und hört zehn Gegenstimmen, mit Argumenten, warum das Vorhaben nie und nimmer funktionieren kann. Welche Vorschriften man verletzen könnte, warum man verklagt werden könnte, usw. In Amerika würde man zehn positive Stimmen hören, wie die Entwicklung das Leben erleichtern könnte, was man noch optimieren könnte und so weiter.
Wichtig ist jedenfalls, etwas komplett Neues zu entwickeln, keine Kopie von Facebook beispielsweise, sondern einen komplett neuen Kommunikationskanal. Das wurde oft missverstanden. Wir Europäer sollten Dinge entwickeln, die mehr mit unseren Werten zu tun haben, keinen billigen Abklatsch von US-Ideen, sondern etwas, was vielleicht nachhaltiger ist.

Gerade heute habe ich an einem Text einer Ökonomin, Carlota Perez, gearbeitet, die dafür eintritt, einen „European Way of Life“ im Gegensatz zum derzeit Ton angebenden „American Way of Life“ zu entwickeln, sozusagen eine europäische Brand für wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen, die „smart und grün“ sind, wodurch wir im globalen Wettbewerb durchaus punkten könnten. Hat es in Wien auch Gedanken in diese Richtung gegeben?
Durchaus. Es ist viel um die Smart City gegangen, um Nachhaltigkeit, Datenschutz. Interessanterweise zählt Österreich sogar in einem bestimmten Bereich tatsächlich zu den Vorreitern: Beim ICO (Initial Coin Offering), also einer Form der Crowd-Finanzierung mit Kryptowährungen. Wenn ein Start-up Geld einsammelt für sein Vorhaben, kann es das in Form eines ICOs machen. In Österreich (und übrigens auch in der Schweiz und in Singapur) gibt es dafür schon gesetzliche Rahmenbedingungen, in den USA noch nicht. Das wissen die wenigsten, aber so etwas kann durchaus ein Standort- und Wettbewerbsvorteil für Start-ups in Österreich sein. Und natürlich gibt es Aufholbedarf: Anlaufstellen und Bewusstseinsbildung für Unternehmen, Vermittlung von Inhalten rund um die Digitalisierung oder eben beispielsweise Bitcoins bereits in Schulen.

Carlota Perez argumentiert, dass der Ausgang der verschiedenen industriellen Revolutionen, die es im Laufe der Geschichte gab, weniger von der Technologie an sich bestimmt wurde, als vielmehr von den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die für die Nutzung und Akzeptanz der neuen Erfindungen ausschlaggebend waren.
Ja, das ist aktuell beispielsweise das Unfaire an Uber und Airbnb, dass mit diesen Geschäftsmodellen letztendlich Gesetze ausgehebelt werden, die eigentlich die Spielregeln und Rahmenbedingungen vorgeben. Der Uber-Fahrer muss zumindest den kollektivvertraglichen Mindestlohn bekommen. Ich als Fahrgast muss versichert sein. Für solche Dinge gibt es ja bereits Gesetze (z.B. Personenbeförderungesetz), aber Uber oder andere Konzerne befinden sich oft in der Grauzone und haben dadurch einen Wettbewerbsvorteil. Deshalb ist gestern Uber in Wien vorübergehend verboten worden. Jedenfalls sollten sich die Giganten an dieselben Regeln halten müssen wie die Kleinen und sich nicht in Steueroasen flüchten und den Datenschutz umgehen.

In Uber und Airbnb spiegelt sich der aktuelle Trend weg vom Eigentum hin zum Teilen…
Genau, die Shared Economy. Und die nächste Herausforderung betrifft die Ausbildungsstätten: Jetzt sitzen viele junge Menschen in der Schule, doch die Hälfte der Berufsbilder, für die sie eigentlich ausgebildet werden sollten, gibt es noch gar nicht. Ganz zu schweigen von den Lehrern, die weit entfernt sind von diesen Entwicklungen. Da müsste diskutiert werden: Vorteile und Nachteile von Kryptowährung. Oder es könnte einmal programmiert werden in der Blockchain. Oder investiert werden, mal 5 Euro oder 10 Euro – einfach, um ein Gespür für die Sache zu bekommen.

Um nichts zu verschlafen, was vielleicht in fünf Jahren Realität für alle sein wird.
Alles ändert sich so rasant – beispielsweise existieren von den im Jahr 2000 rund 100 top-platzierten Fortune-Unternehmen heute kaum noch welche in der damaligen Form. Das heißt, sie haben sich komplett umorientiert, bieten jetzt andere Produkte an. Oder sie wurden in der Zwischenzeit von Facebook, Google & Co aufgekauft.
Und was bei all diesen Entwicklungen gilt, ist: The winner takes it all. Das sieht man beispielsweise bei den wenigen großen Firmen, die Euro in Kryptowährung tauschen. Diejenigen, die die ersten waren, machen jetzt das große Geld.

Wie viele Berufsbilder wirst du noch durchleben, bis du in Pension gehst?
Weiß nicht [lacht]. Social Media Influencer werde ich keiner. Aber wahrscheinlich steht das heutzutage in den digitalen Tagebüchern der Jugendlichen: Ich möchte Instagram-Star oder You-Tube-Star werden. Vielleicht auch Blockchain-Entwickler oder Daily Trader mit Kryptowährung. Zick-Zack-Lebensläufe sind mittlerweile die Norm.

Bist du privat auch der volle Digitalisierungs-Fan, kommunizierst also vorzugsweise mit Alexa und hast dein ganzes Haus verkabelt?
Nein, da bin ich eher analog unterwegs [lacht]. Auf solche Trends springe ich oft erst später auf. Die Neugier ist schon da, aber viele Bedürfnisse werden ja erst durch das Angebot geweckt, da muss man sich nicht sofort in alles hineinstürzen.

Herzlichen Dank, wir freuen uns schon auf ein Interview zum Thema Kryptowährungen!