Akademische Schlaglichter auf Industrie 4.0

Udo Traussnigg (Mitte) im Gespräch mit Markus Moser und Thomas DietingerUdo Traussnigg (Mitte) im Gespräch mit Markus Moser und Thomas Dietinger

Ein digitaler Exkurs mit FH CAMPUS 02-Stu­diengangsleiter für Automatisi­erungs­technik Udo Traussnigg über die Digita­lisierung im Bildungssektor, die Philosophie des E-Lear­nings und den Stellenwert der Präsenzlehre, bei dem wir das reichhaltige Buffet der didaktischen Möglichkeiten erkunden. Über Industrie 4.0 als Vehikel für Aufbruchs­stim­mung und die geforderte Interdiszipli­nari­tät bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.

Lieber Herr Traussnigg, wodurch zeichnen sich AbsolventInnen Ihres Studiengangs aus, was sind die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse, die Sie Ihren Studierenden mit auf den Weg geben möchten?
Das Wichtigste für jedes Studium ist natürlich immer die Fachkompetenz. Was aber bei uns über alle Studiengänge hinweg eine Besonderheit ist, ist, dass wir auf eine wirtschaftliche Basiskompetenz Wert legen, d.h. keiner verlässt das Haus, ohne Grundkompetenzen im wirtschaftlichen Bereich zu haben. Die zweite zusätzliche Säule ist das Thema Sprachausbildung, also Englisch; die dritte Säule sind die personellen Kompetenzen, die sich bei anderen Bildungsanbietern oft im Curriculum gar nicht wiederfinden, wo aber bei uns ganz bewusst jedes Semester ein Thema aus dem Bereich Persönlichkeitsentwicklung positioniert wird: von Kommunikation und Zeitmanagement über Konfliktfähigkeit bis zu Motivationsverhalten und Ähnlichem. Das ist auch aufgrund der Rückmeldung der Studierenden wirklich ein essentieller Teil der Ausbildung. Sie merken ganz genau, dass sie sich auch diesbezüglich am Arbeitsmarkt und im Arbeitsalltag beim täglichen Tun differenzieren. Was die AbsolventInnen unseres berufsbegleitenden Studiengangs noch auszeichnet, ist die große berufspraktische Erfahrung. Fast alle unsere Studierenden sind schon zu Beginn ihres Studiums fachspezifisch tätig und können dadurch sehr gut Theorie und Praxis bzw. Studium und Beruf in sehr vielschichtiger Weise verbinden und reflektieren.

Wie sieht es mit den Wahlmöglichkeiten während des Studiums aus?
Das ist eine weitere Besonderheit – während des Bachelor-Studiums gibt es fachspezifisch rund 19 % inhaltliche Wahlmöglichkeiten für die Studierenden. Da die Studierenden schon berufsspezifische Erfahrungen mitbringen, und auf dieser Basis fachliche Entscheidungen treffen, wohin sie sich weiterentwickeln möchten, führt das zu einem ganz anderen Ergebnis, mit einem klaren Berufsbild vor Augen. Damit sind natürlich das Interesse, die Identifikation und das Engagement ganz anders, weil sich die Studierenden somit fachspezifisch-individuell selbst ausrichten – aufgrund der Anforderungen der beruflichen Praxis und auch aufgrund der persönlichen Interessen.

Die Digitalisierung hat auch vor dem Bildungssektor nicht Halt gemacht: Wie spiegelt sich das in Ihrem Studiengang wider?
Natürlich – zuallererst spiegelt sich das in den Fachinhalten wider. Als Fachhochschulen müssen wir unsere Studiengänge verpflichtend zyklisch reakkreditieren. Das bedingt, dass wir uns gemäß diesen Zyklen regelmäßig Gedanken machen müssen, ob die Kompetenzen und damit verbunden die Lehrinhalte und Lernziele noch für das Berufsbild stimmig sind. Da die Digitalisierung, die in der Automatisierung schon lange in diversen Ausprägungen zu Hause ist, nun immer weiter um sich greift, geht es auch an erster Stelle um ein stetes Nachjustieren der Lehrinhalte.
Wenn Studierende für ihre Bachelor- oder Masterarbeiten Aufgabenstellungen aus der Praxis bearbeiten, sieht man auch an diesen ganz deutlich, dass die Digitalisierung Einzug gehalten hat. Wenn wir die Studierenden nun nicht schon im Vorfeld für solche Aufgabenstellungen qualifiziert hätten, wäre etwas unstimmig.

Und methodisch?
Ja, das ist die dritte Ebene – wir vergeben heuer einen Lehrpreis für den Einsatz neuer digitaler Medien in der Lehre. Wir werden dann einen Kollegen oder eine Kollegin prämieren, der bzw. die das besonders gut macht. Digitalisierung in der Lehre ist natürlich ein Thema, das uns laufend begleitet. Wir verfolgen eher ein Blended-Learning-Konzept. Das heißt, wir setzen nach wie vor stark auf die klassische Präsenzlehre, versuchen aber digitale Hilfsmittel unterstützend zu verwenden. Das funktioniert auch ganz gut. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass gerade berufsbegleitend Studierende es durchaus schätzen, bei der Wissensvermittlung face-to-face sein zu können oder zu dürfen. Interessant dabei ist: Je IT-affiner die Studienrichtung ist, desto mehr schätzen sie die Präsenz!

Vielleicht ein Effekt à la „Ich sitze eh schon den ganzen Tag vor dem Bildschirm, jetzt will ich nicht auch noch vor dem Bildschirm lernen“?
Ja, vielleicht, es scheint den Studierenden jedenfalls sehr recht zu sein, dass es da eine Alternative gibt. Das hat uns dazu veranlasst, eher vorsichtig an die Digitalisierung im Unterricht heranzugehen. Andererseits hat es auch mit Zugehörigkeit und Stolz zu tun, dem Verbund, dem sozialen Netz, das in der persönlichen Begegnung immer noch anders ist als bei virtuellen Treffen. Das wird sich natürlich mit neuen Technologien immer ändern, immer verschieben.

Da stellt sich die Frage, ob das hauptsächlich am Kontakt der Studierenden untereinander liegt oder ob es dabei auch um das Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden geht?
Klar, es geht um beides – die Möglichkeit im Präsenzunterricht aktiv mit dem/r Lehrenden zu interagieren, ist eben ein größerer Mehrwert – und davon müssen die Studierenden überzeugt sein – als sich ein Online-Video anzusehen.

Theoretisch gibt es ja die Möglichkeit, über Online-Seminare auch mit den Vortragenden im Live-Chat zu interagieren…
Absolut. Das ist technologisch kein Problem, aber es ist wie gesagt ein anderes Setup. Damit bricht man auch mit der traditionellen Philosophie des elektronischen Lernens, man ist dann nicht mehr zeitungebunden. Die großen Buzzwords des elektronischen Lernens sind ja ortsungebunden, zeitungebunden und vom Tempo ungebunden, bezogen auf den individuellen Lernfortschritt. Wenn ich die Reaktion meines Gegenübers sofort haben will, bin ich und/oder mein Gegenüber aber nicht mehr zeitungebunden. Dazu kommt dann noch das Umfeld – wo soll so ein Online-Kurs besucht werden: Im Büro, mit Unterstützung des Vorgesetzten? Dabei laufe ich Gefahr, dass ich nicht meine Ruhe habe – das ist auch nicht immer optimal.

Wahrscheinlich auch eine Frage der persönlichen Prioritätensetzung – wenn ich weiß, da muss ich auf der Uni sein, es ist mir wichtig genug, dann reserviere ich mir dafür auch eher dafür das Zeitfenster als für ein Webinar, das ich jederzeit zu Hause machen könnte.
Das habe ich früher auch mit Stolz gemeint – da nimmt man seine Mappe, da steht dann auch der Name der Hochschule oben, damit identifiziert man sich.
Aber wie gesagt, ich bin ein technischer Pragmatiker – für mich war das Thema elektronisches Lernen schon immer spannend, ich habe schon sehr früh an Projekten mitarbeiten dürfen. Wir haben sogenannte CBTs entwickelt, computer-based trainings für das WIFI, die von der Steiermark aus in Österreich ausgerollt wurden. Tolle Möglichkeiten, tolle Methoden – wir haben damals im Zusammenhang mit adaptivem Lernen Dinge erprobt. Es ging darum, aufgrund des eigenen Lernfortschritts dorthin geführt zu werden, wo man noch Defizite hat.

Sozusagen selbststeuernde Systeme…
Ja, genau! Das haben wir schon vor langer Zeit versucht, es muss schon vor dem Jahr 2000 gewesen sein. Damals waren natürlich gewisse technologische Möglichkeiten noch nicht vorhanden. Im Ansatz haben wir es aber damals schon umgesetzt. Ich bin der Meinung: Alles gut, alles toll – aber es handelt sich eben um ein weiteres Element am Buffet der didaktischen Möglichkeiten. Allein schon im Rahmen der Präsenzlehre haben wir Unmengen an didaktischen Möglichkeiten. Die richtige Mischung macht es aus. Daher verfolgen wir eben Blended Learning, wo wir unterschiedlichste Tools von Videos bis hin zu Live Chats mit unterschiedlicher Intensität einsetzen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass E-Learning einerseits eine Chance für gewisse Personengruppen darstellt, die sonst einen erschwerten Zugang zu Bildung hätten – Menschen aus dem ländlichen Bereich, Frauen mit Kindern. Andererseits könnte mit E-Learning in gewisser Weise auch eine Wertminderung verbunden sein bzw. umgekehrt erfordert es eine besonders hohe Motivation, wenn ich einen langen Weg in Kauf nehmen muss, um genau DEN Professor zu genau der Zeit persönlich zu hören?
Genau. In unseren Studiengängen ist es ja auch so, da sitzen in einem Jahrgang nicht nur 40 Personen, sondern in Wirklichkeit 40 Unternehmen. Manchmal ist es schon der Fall, dass mehrere Personen aus demselben Unternehmen kommen, aber es sind nicht viele. Das ist natürlich auch ein enormer Wert! Es entstehen Netzwerke – Partnerschaften, Kunden-Lieferanten-Verhältnisse, Entwicklungspartnerschaften – und das Schöne daran ist, dass man das zum Zeitpunkt des Studiums schon nutzen kann. Als ich selbst studiert habe, gab es natürlich auch Lerngruppen und Kontakte. Doch der berufliche Anknüpfungspunkt kam dann erst zeitversetzt, vielleicht fünf Jahre nach Abschluss des Studiums. Da hat man dann aber vielleicht die Kontakte gar nicht mehr.

Wie sieht es mit dem Anteil der weiblichen Studierenden an der FH aus?
Das ist hauptsächlich eine Frage der Studiengänge. In den technischen Disziplinen werden ja viele Maßnahmen gesetzt, doch der große Durchbruch ist mir bis jetzt nicht bekannt, der Anteil ist leider immer noch zu gering. Aber man muss es positiv sehen – vielleicht können wir durch diese vielen Maßnahmen die Quoten wenigstens halten und anders wäre es noch viel schlimmer. Ich glaube den Grund zu ahnen – ich denke, es ist einfach ein gesellschaftspolitisches Problem, das wir in Mitteleuropa haben. Durch das gesellschaftliche Bild, das wir zeichnen, welche Berufe als erstrebenswert gelten, wer, wie in welchen Berufen arbeitet. Da sind gewisse Institutionen sicher selbst schuld, dass es so ist, da die Bilder kontraproduktiv sind. Aktuell sind wir aber sehr stolz – im letzten und im heurigen Jahrgang hatten wir ca. 15 % Frauenanteil, das ist für einen technischen Studiengang herausragend.

Sind Sie selbst in der Forschung noch aktiv?

Leider lassen mir meine Verpflichtungen im Zusammenhang mit der Studiengangsleitung wenig Zeit dafür – organisatorisch bin ich aber sehr wohl in Forschung involviert. Als Studienrichtung haben wir natürlich ein paar Schwerpunkte.

Industrie 4.0?
Da darf man nicht nein sagen, das ist schon klar, das ist mir aber zu wenig konkret. Unsere Schwerpunkte werden laufend adaptiert, ich nenne drei: Erstens Prototypen und Demonstratoren – in diesem Bereich unterstützen wir alle Unternehmen von EPUs bis Großunternehmen und decken die Bandbreite vom weißen Blatt Papier bis zum Prototypen ab, arbeiten stark mit 3D-Druck. Wir haben nicht nur die Elektronikentwicklung im Haus, sondern auch die Fertigung, wir fertigen daher auch Kleinserien, die wir bestücken. Zweitens – im Sinne eines mechatronischen Ansatzes, der über die Disziplinen Maschinenbau, Elektronik, Informatik hinweggeht, können wir Gesamtprojekte abwickeln, haben dafür auch die Produktionsmöglichkeiten. Drittens RFID, meist in Verbindung mit klassischen Systemoptimierungen, nicht nur, aber schwerpunktmäßig in der SPS-Technologie. Natürlich sind das Themen, die manche für sich isoliert als Industrie 4.0 hinstellen – die zum Beispiel sagen „Wir machen Industrie 4.0, weil wir machen 3D-Druck“.

Das greift viel zu kurz…
Richtig. Industrie 4.0 bedeutet aus meiner Sicht wirklich, mithilfe der Digitalisierung und ihren Möglichkeiten ein – und das ist das Wichtige – neues Geschäftsmodell zu schaffen, das auch die Wertschöpfungskette verbreitert oder verbessert. Viele hingegen positionieren sich und sagen, wir machen Dinge besser oder schneller oder qualitativ hochwertiger oder energieffizienter und verkaufen das dann unter diesem Label, das ist für mich zu kurz gegriffen. Trotzdem ist Industrie 4.0 ein tolles Vehikel, das viel Aufbruchsstimmung schafft, wodurch viele Technologien wieder Auftrieb erfahren, aber ich sehe es eher – und da zitiere ich einen Kollegen aus Deutschland – als technisches Konvergenzthema: Bestehende Technologien werden in neuen Kongregationen in einem größeren Kontext mit neuen Skalierungsfaktoren kombiniert und führen dadurch zu einem neuen Geschäftsmodell.

Also eine extrem interdisziplinäre Ausrichtung.
Genau. Das wird durch unseren Studiengang Automatisierungstechnik gut abgedeckt.